Zusammenhalten im Gespräch mit Albert Esslinger-Kiefer

Ursprünglich sollte ihn sein Weg ins Pfarramt führen – doch es kam anders. Seit über fünf Jahrzehnten prägt Albert Esslinger-Kiefer das Pforzheimer Medienhaus in vielfältigen Funktionen: als Verleger, Anzeigenverkaufsleiter, Chefredakteur, Marketingleiter, technischer Leiter und oberster Repräsentant – und das zeitgleich in einer Person.

Bei der Verleihung des Pforzheimer Wirtschaftspreises beschrieb Laudator Georg H. Leicht (Juwelier Leicht) sein Leben als eines mit Brüchen, Herausforderungen und Erfolgen, geprägt von Optimismus, Glaubensfestigkeit, Menschlichkeit, wacher Intelligenz, großem Fleiß und blitzendem Schalk.
Albert Esslinger-Kiefer, Verleger der Pforzheimer Zeitung, ist zudem ein ausgewiesener Kenner Afrikas. In jungen Jahren arbeitete er ein Jahr lang im Urwaldkrankenhaus von Albert Schweitzer in Lambarene – eine Zeit, die ihn nachhaltig prägte.

Für #Zusammenhalten frägt Gerhard Baral.

 

#Zusammenhalten: Welche Bedeutung hat die Verwurzelung Ihres Unternehmens mit Pforzheim und der Region Nordschwarzwald?

Albert Esslinger-Kiefer: Wir sehen uns als Heimatzeitung mit großer lokaler Kompetenz. Wir sind uns der damit verbundenen Verantwortung sehr bewusst. Gleichzeitig verstehen wir uns als vitales Element in Stadt und Region und tragen mit vielfältigen Aktionen – Stiftungen, Sponsoring und persönlicher Präsenz – dazu bei, dass unsere Stadtgesellschaft in ihrer großen Vielfalt eine – hoffentlich – gute Zukunft erfährt.

 

#Zusammenhalten: Welche Chancen sehen Sie für Pforzheim als Stadt mit der jüngsten Bevölkerung in Baden-Württemberg und Menschen aus über 140 Nationen?

Albert Esslinger-Kiefer: Es ist ein permanentes Bemühen, junge Menschen für jene Themen zu sensibilisieren, die für ihr Leben relevant sind und gleichzeitig dazu beitragen, sie für die aktuellen Belange unserer Stadtgesellschaft – ihren Lebensraum – zu interessieren. Mit dieser Zielsetzung habe ich vor über 20 Jahren die Jakob und Rosa Stiftung gegründet, um junge Leute zu einer vernünftigen Lebensführung zu befähigen. Was die Menschen aus über 140 Nationen betrifft, so ist es das ständige Bemühen unserer Redaktion, mit diesen Mitbürgern überhaupt ins Gespräch zu kommen. Aber allzu oft stoßen wir auf geschlossene Türen, obwohl die innerstädtische Szenerie – Geschäfte und Immobilien – längst im Besitz von Migranten ist.

 

#Zusammenhalten: Sie lernten als junger Mann in Afrika Lambarene und Albert Schweitzer kennen – Arzt, Philosoph und Friedensnobelpreisträger. Wie hat diese Zeit Ihren Blick auf die Welt und auf Afrika beeinflusst?

Albert Esslinger-Kiefer: Albert Schweitzer – der Mann hat mich sehr geprägt. Ein Jahr lang war ich als junger Kerl von 21 Jahren an seiner Seite. Glaubwürdig sein im Denken und Tun – das war seine Devise. „Machschs au richtig?“ hat er meist gefragt, wenn er mich in der Schreinerei beim Basteln neuer Krankenbetten, bei Reparaturarbeiten in den Krankensälen oder bei Gartenarbeiten mit den Behinderten antraf. Als die Briefe meines Onkel Jakob, des Zeitungsverlegers, dringlicher wurden – Tenor: „Entweder Du kommst jetzt zurück und kümmerst Dich um das Geschäft oder du kannst gleich bei den Negern bleiben!“ -, da nahm mich der „Grand Docteur“ auf die Seite und meinte „Namensvetter, jetzt musst Du aber gehen!“. Er drückte mir 700 Mark in die Hand, damit bin ich ein weiteres Jahr durch Westafrika und die Sahara getrampt. Das Urwaldhospital in Lambarene aber ist mir geblieben, ich habe es inzwischen dreimal besucht.

 

#Zusammenhalten: Wie international ist Ihre Belegschaft, und welche Auswirkungen hat dies auf Ihr Unternehmen?

Albert Esslinger-Kiefer: Da wir kein typisches Produktionsunternehmen sind, hält sich die Zahl der „Migranten“ in Grenzen. Aber im IT-Bereich, im Vertrieb und Versand freue ich mich über langjährige, engagierte Mitarbeiter/innen.

 

#Zusammenhalten: Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht vor großen Herausforderungen, zugleich befindet sich die Medienlandschaft in einem tiefgreifenden Wandel. Wie sehen Sie die Entwicklung Ihres Medienhauses in den kommenden Jahren?

Albert Esslinger-Kiefer: Okay, die Welt ist im Umbruch. Und Pforzheim ganz besonders. Wenn wir nur noch über Probleme sprechen anstatt mit positiver Denkungsart Lösungen zu entwickeln, dann mache ich mir große Sorgen. Für uns Zeitungsleute in Pforzheim erhebt sich zunehmend die Frage, wie wir unser auch in Fachkreisen geschätztes Produkt stabil halten können, wenn der lokale Handel – unser wichtigster Anzeigenkunde – weiter wegbricht. Damit verbunden sehe ich mit wachsender Verwunderung ein anderes Phänomen: Die Pforzheimer mögen ihre Stadt nicht mehr. Woher aber kommt die Lust, sich am Niedergang der eigenen Stadt abzuarbeiten? Wir müssen der Stadtgesellschaft neue, positive Impulse geben – wir tun es beim Zeitungmachen mit großem Engagement, denn für uns Medienleute ist das eine existentielle Frage.

 

#Zusammenhalten: Sie verfügen über langjährige Einblicke in die deutsche Medien- und Zeitungslandschaft. Wird es Ihrer Einschätzung nach in einigen Jahren noch die gedruckte Zeitung geben, oder entwickeln sich die Medien überwiegend in Richtung rein digitaler Angebote?

Albert Esslinger-Kiefer: Tatsächlich ist die Medienlandschaft aus Gründen, die ich hier nicht erklären muss, in totalem Umbruch. Das „newspaper endgame“ ist eingeläutet. Die Zeitungen verschwinden nicht vom Markt, aber die Großverlage kaufen die Heimatzeitungen auf und entkernen sie. In dieser Situation wäre es für die Verlage hilfreich, wenn man im politischen Raum erkennen würde, dass die Zeitungen – und hier die Lokalzeitungen im Besonderen – ein wichtiges Element im demokratischen Gefüge unseres Landes sind. Die Schweizer honorieren dies, indem sie die Vertriebskosten – die Zustellung ins letzte Haus im Dorf – von der Steuer befreien.

Dank unserer lokalen Kompetenz haben wir eine relativ stabile Auflage – und dies in einer (noch) starken Zeitungslandschaft, denn in der Region stehen wir mit drei anderen Zeitungen im heftigen Wettbewerb. Was uns stabilisiert ist das überdurchschnittliche Wachstum im digitalen Bereich. Aber noch leben wir in der Hoffnung, dass wir unseren treuen Lesern in Stadt und Land noch einige Jahre eine interessante, lesenswerte Zeitung liefern können – auf Papier gedruckt, mitten in der Stadt im Zeitungshaus Ecke Post-/Kiehnlestraße.

Solidarisch gegen Hetze und Gewalt!

KONTAKT

NEWSLETTER
Immer informiert - Melden Sie sich für den Newsletter des #zusammenhalten Pforzheim, kostenlos und unverbindlich
Zur Newsletter-Anmeldung
STANDORT
Bürgerbewegung Zusammenhalten Pforzheimc/o Evangelische Kirche in PforzheimMelanchthonstraße 1, 75173 Pforzheim